Posts mit dem Label Sturmflut werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sturmflut werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 3. Oktober 2023

Das Hundeverbot an Niedersachsens Deichen, verheerende Sturmfluten und die Aufgabe der Deichgrafen


Warum gilt in Niedersachsen ein Hundeverbot auf allen Deichen?

Bei aller touristischen Attraktivität der Deiche sind sie Schutzbauwerke. Diesem Zweck (siehe Niedersächsisches Deichgesetz) haben sich alle anderen Aktivitäten unterzuordnen.

Das Mitführen von Hunden ist grundsätzlich auf Deichen in Niedersachsen verboten.

Die Anwesenheit der Tiere auf den Deichen ist aus mehreren Gründen kritisch: Schafe geraten als Fluchttiere schnell in Panik, wenn sie die Vierbeiner erblicken. Vor allem trächtige Muttertiere sind gefährdet, weil es zu Frühgeburten oder einem Verlammen kommen kann. Gefährlich sind auch Krankheitserreger im Hundekot für Schafe. Deshalb dürfen Hunde auch dann nicht unangeleint auf das Deichgelände (Deiche, Deichverteidigungsweg, Treibselräumweg und Vorland), wenn keine Schafe in Sicht sind.

Gefahren drohen für die Deichsicherheit auch, wenn Hunde Löcher in die Grasnarbe wühlen. Jedes Loch in der Deichoberfläche ist ein möglicher Angriffspunkt, weil die heranbrechenden Wellen derartige Löcher ausspülen und im schlimmsten Fall einen Deichbruch zur Folge haben können.

Auch Blindenführhunde und Assistenzhunde dürfen niemals unangeleint auf das gesamte Deichgelände.

Die Deichschafe: Als Hüter der Deiche erfüllen sie eine wichtige Funktion: Tagaus und Tagein verdichten sie das Erdreich mit ihren Hufen und sorgen für einen stabilen Damm. So sind sie quasi die Angestellten des Hochwasserschutzes und bei Wind und Wetter auf ihren Deichen. Mit ihren Hufen verfestigen sie den Deich und tragen so zu seiner Stabilität bei.

Schafe halten die Grasnarbe dicht: Schafe haben einen tiefen Biss und halten das Gas sehr kurz. Deshalb werden die Halme dicker, es kommt zu einer besseren Bestockung. Schafe sorgen auch dadurch für die Stabilisierung der Deiche: Durch die bessere Bestockung werden auch die Graswurzeln kompakter und stabilisieren die Erde.


Informationstafel in Neuharlingersiel

Warum das Einhalten dieser Regeln so wichtig ist, das sehen wir u.a. auch an den Hochwassermarken am Sieltor von Neuharlingersiel: Mt dem "Blanken Hans" ist nicht zu spaßen!
Die oberste Marke kennzeichnet der Wasserstand der Februarflut von 1825. Die Februarflut von 1825, in Deutschland auch Große Halligflut genannt, war eine Flutkatastrophe vom 3. bis 5. Februar 1825 an der gesamten deutschen, dänischen und niederländischen Nordseeküste sowie im unteren Weser- und Elbegebiet und deren Nebenflüssen, bei der etwa 800 Menschen ertranken und sehr schwere Schäden entstanden. An nahezu allen Orten wurden die bis dahin beobachteten Rekordwasserstände deutlich überstiegen; sie dürfte eine der schwersten Fluten der letzten Jahrhunderte gewesen sein.

Und es gab bis dahin ja schon eine ganze Reihe verheerenter Sturmfluten: Eine der größten Naturkatastrophen an der Nordseeküste war die Weihnachtsflut von 1717. Tausende Menschen und Vieh kamen in den Fluten an der friesischen und ostfriesischen Küste ums Leben. Als Weihnachtsflut wird die Sturmflut an der kontinentaleuropäischen Nordseeküste vom 24. Dezember auf den 25. Dezember 1717 bezeichnet. Sie wurde von einem plötzlich einsetzenden Nordweststurm verursacht. Zwischen den Niederlanden und Dänemark kam es zu zahlreichen Deichbrüchen und verheerenden Überschwemmungen. Von Tondern im nördlichen Herzogtum Schleswig bis zum ostfriesischen Emden ertranken etwa 9.000 Menschen; auch in den Niederlanden starben 2.500 Personen. Eine erneute Sturmflut erfolgte in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1718.

Die Weihnachtsflut von 1717 war die verheerendste Sturmflut der Neuzeit und markiert den Wendepunkt im Deichbau. Mit ihr begann der moderne und organisierte Küstenschutz an der Nordsee.

Und vergessen wir nicht die beiden Marcellusfluten: Marcellusflut ist der Name zweier Flutkatastrophen an der Nordsee, die jeweils am 16. Januar (Gedenktag des heiligen Marcellus) stattfanden. Erste Marcellusflut (1219) - Grote Mandränke (‚großes Ertrinken‘) und Zweite Marcellusflut (1362), auch: Mandrankels, Grote Madetuen oder Grote Mandrenke.

Auch Sankt Willehad in Accum wurde durch die Weihnachtsflut schwer beschädigt.


1719 wurde die heutige Kirche gebaut, nachdem die Vorgängerkirche von mehreren Sturmfluten, so auch von der Weihnachtsflut 1717, schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde und so baufällig war, dass sie nur noch unter Lebensgefahr betreten werden konnte.

Eine Besonderheit ist das im Inneren der Kirche befindliche Grabmal für den Häuptling Tido von Inn- und Kniphausen († 18. Februar 1565) und seine Frau Eva von Renneberg († 1579). Es befindet sich vorne in der Kirche neben dem hölzernen Abendmahltisch. Der Doppelgrabstein aus schwarzem Marmor ist ein Beispiel bester flämischer Renaissance-Porträtplastik.

Im unmittelbar an der Nordseeküste liegenden Dornumersiel ertranken in der Weihnachtsflut fast alle Einwohner.


In Dornumersiel zeigt die Figurengruppe „He is buten bleven“ (er ist draußen geblieben) die Lebenswirklichkeit der Menschen an der Nordsee. Die traurig melancholische Skulptur zeigt eine Seemannsfrau mit ihrem Kind, deren Mann „auf See geblieben“ ist. Christian Eisbein (* 5. Juli 1917 in Halle (Saale); † 1. Juli 2009 in Westerholt, Ostfriesland) schuf die Skulptur.

Noch Wochen und Monate nach der Flutkatastrophe von Weihnachten 1717 wurden Leichen angeschwemmt. Der junge ostfriesische Pastor Johann Christian Hekelius lebte damals in Resterhafe/Schwittersum. Die kleine Kirche liegt auf einer hohen Warft und ragte während der Sturmflut wie eine Insel aus den Fluten hervor. Hekelius schildert in seiner Chronik sehr eindrücklich das ganze Ausmaß der Katastrophe.


In Neuharlingersiel gibt es ja die Ferienresidenzen Deichgraf. Aber ein Deichgraf ist keinesfalls eine nostalische Reminiszez an alte Zeiten. Es gibt immer noch Deichgrafen! Touristen reiben sich oft verwundert die Augen, wenn sie von diesem scheinbar veralteten Posten hören. Wenn Besucher den Begriff Deichgraf hören, denken sie vielleicht an Hauke Haien, die Figur, die Theodor Storm in seiner Novelle „Der Schimmelreiter“ beschrieb. Dabei sind seine Aufgaben aktueller denn je. Deichgraf (auch Deichvogt, Deichgeschworener, Deichrichter, Deichhauptmann) ist die Bezeichnung des Vorstehers eines genossenschaftlich organisierten Deichverbandes, der Deichacht, der für die Unterhaltung und Anlage der Deiche zuständig ist. Wichtigste Aufgabe dabei ist die Deichschau.

Die Anlieger der Deiche sind verpflichtend Mitglied der Deichacht.

So war z.B. auch meine Frau, als sie noch in Ostfriesland lebte, Mitglied der Deichacht ihres Dorfes und hatte bei Hochwasserlagen die Deichkrone im Auge zu behalten und im Falle, das Wasser stieg gefährlich an, sofort ihren Deichgrafen zu unterrichten.

Sonntag, 30. Juni 2019

Die evangelisch-reformierten Kirchen von Resterhafe und Accum und die Weihnachtsflut 1717

Die auf einer Warf liegende Kirche von Resterhafe

Die St.-Matthäus-Kirche im Dornumer Stadtteil Resterhafe wurde vermutlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts als Saalkirche aus Backsteinen im Stil der Frühgotik errichtet. Sie steht auf einer fünf Meter hohen freistehenden Warft. Bis zur Reformation unterstand die Kirche dem Erzbistum Bremen.


Die lettnerartige Schranke zwischen Chor und Schiff ist ein Werk des frühen 17. Jahrhunderts. Sie besteht aus Gitterstäben mit einem oberen Abschluss aus durchbrochenen Ranken. Der protestantische Flügelaltar mit seinen Inschriften wurde ebenfalls im 17. Jahrhundert geschaffen. Er ist vom reformatorischen Bildersturm geprägt. In Norddeutschland traten daran anschließend im 16. und 17. Jahrhundert in den reformierten, aber auch lutherischen Kirchen Schriftaltäre an die Stelle der mittelalterlichen Bildwerke. Auf seinen Flügeln führt er rechts das Glaubensbekenntnis und links die Zehn Gebote auf. Die Kreuzigungsdarstellung in seinem zentralen Feld wurde erst 1830 hinzugefügt. Sie wurde von dem in Resterhafe amtierenden Pastor Kittel gemalt und geht auf das Vorbild des Altargemäldes der St.-Bartholomäus-Kirche in Dornum zurück, das seinerseits eine Kopie eines Werks des flämischen Malers Anthonis van Dyck ist. Eine Wappentafel krönt den Altar.

Der damalige Pastor von Resterhafe, Johann Christian Hekelius, nimmt unter den Chronisten der verheerenden Weihnachtsflut von 1717 eine Sonderrolle ein, weil er Augenzeuge des schrecklichen Geschehens der Weihnachtsnacht und der darauf folgenden Tage war. Sein Bericht gehört zu den eindringlichsten Schilderungen, die überliefert sind:

"Um meinem Hause herum sahe es aus als wen der grausamste Feind Hauß gehalten hätte; 8 tode Kühe sambt ihren Ställen waren da angeworffen; Häuser, Haußgeräthe waren da Stückweise angetrieben; Breter, Sparren. Latten, Leitern, Rollbäume, Waltzen, Dächer von Häusern, Thüren oder Thoren lagen da durch einander und so viel Torff, Stroh und ander Guth, daß man kaum darüber gehen konnte. Auf dem Wasser selbst schwammen noch Betten, Kasten, Menschen, Vieh und allerhand Guth herum, welches unmöglich ohne Wehmuth, auch nicht ohne Angst konte betrachtet werden. Man sahe auch hin und wieder auf den Häusern Menschen sitzen, welche mit Noth-Zeichen durch Wincken und auf andere Weise ihr Elend vorstelleten, die doch nicht konten errettet werden, weil Fahr-Zeuge fehleten, auch das Wasster anfänglich noch zu ungestüm war und also nebst den Ihrigen Hunger und Durst, Kälte und Noth einige Tage haben leiden müssen."

Und: "Statt das frohe Fest der Geburt Jesu zu feiern, wurde durch die ganze Gegend nichts gehört als Geschrei, Klagen, Heulen und Weinen."

Er schreibt weiter über das Schicksal seiner Nachbarn: "Es sitzen zwar diese Elenden noch auf dem Heu, aber dieses ist gar nicht vermögend des Wassers Gewalt zu widerstehen, dahero indem es zu fallen beginnet, diese arme Eltern sehen müssen, wie immer eines von ihren Kindern nach dem andern herab fällt und ertrincket. Die Frau hat das kleinste Kind in ihren Armen und vermeynet der Mann diese beyde noch eine Weile zu halten: Allein die Mutter und diß kleine Kind fallen auch herab und müssen das Leben lassen."

1719 verfasste er eine Chronik der Ereignisse, die er in Halle verlegen ließ. Er sah die Naturkatastrophe allerdings als "gerechtes Gericht des erzürnten Gottes" an. Der Zorn des Allmächtigen, so predigte er, traf die Küstenbewohner, weil sie die Sonn- und Feiertage nicht mehr heiligten.

Dreihundert Jahre Sankt Willehad in Accum

1719 wurde die heutige Kirche gebaut, nachdem die Vorgängerkirche von der Weihnachtsflut 1717, die auch Accum erreichte, so schwer in Mitleidenschaft gezogen worden wurde und so baufällig war, dass sie nur noch unter Lebensgefahr betreten werden konnte.


Eine Besonderheit ist das im Inneren der Kirche befindliche Grabmal für den Häuptling Tido von Inn- und Kniphausen († 18. Februar 1565) und seine Frau Eva von Renneberg († 1579). Es befindet sich vorne in der Kirche neben dem hölzernen Abendmahltisch. Der Doppelgrabstein aus schwarzem Marmor ist ein Beispiel bester flämischer Renaissance-Porträtplastik.

Die in der reformierten Gottesdienstordnung wesentliche Verkündigung durch den Pastor wurde durch eine Kanzeluhr auf der Kanzel in ihrer Länge begrenzt.

Die St. Willehad Kirche beherbergt eine Orgel von Arp Schnitger (Hamburg), die 1705 erstellt und 1719 in das heutige Kirchengebäude übernommen wurde. Von Schnitgers Werk ist nur noch das Gehäuse erhalten geblieben. Die heutige Orgel wurde 1963 in dem historischen Gehäuse von 1705 von dem Orgelbauer Alfred Führer (Wilhelmshaven) errichtet.

Mittwoch, 5. Juli 2017

Der Jadebusen gehörte nicht immer der Nordsee


Stückk für Stück hat sich die Nordsee, die "Mordsee", den Jadebusen erobert. Denn diese Bucht war keineswegs immer ein Teil der Nordsee gewesen. Den ursprünglichen Zustand kann man noch heute bei Sehestedt erahnen, beim Schwimmenden Moor.


Mit dem Schwimmenden Moor hat es folgende Bewandnis: Ein Naturschutzgebiet besonderer Art ist das Sehestedter Außendeichsmoor. Es ist das einzige Außendeichsmoor der Erde. Dieser Rest des abbrechenden Hochmoores schwimmt auf, wenn Sturmfluten 3,25 m über NN erreichen. Es wird dann unter dem schwimmenden Moor Schlick abgelagert Gebildet hat sich das Moor im Rahmen der großflächigen Vermoorungen des nordwestlichen Küstenraums. Die günstigen Bildungsbedingungen im Bereich der Watten und Marschen ("schwimmende" Torfe) bestanden hierfür offenbar zwischen 3600 und 2800 v.Chr. sowie zwischen 1700 und 300 v.Chr.. Während dieser Zeitabschnitte vermoorte die gesamte Küstenniederung zwischen Ems und Weser großflächig. Das Sehestedter Außendeichsmoor (schwimmendes Moor) ist ein bekanntes Beispiel für ein vermoortes Gebiet, das später nicht mehr im Rahmen von Transgressionen vom Meer überflutet wurde. Es wurde erst nach dem Einbruch des Jadebusens von der See erreicht. Durch das Aufschwimmen der leichten oberen Torfschicht wird das Überfluten heute verhindert. Angehoben wird das Moor bei Sturmfluten über 2,5 m über das mittlere Hochwasser. Dieses Klapp-Phänomen gab es früher an vielen Stellen der Nordseeküste. Heute ist das Sehestedter Außendeichsmoor einzigartig auf der Welt und steht unter Naturschutz. Durch Sturmfluten wird es aber zunehmend zerstört. Von der Größe von 135 ha im Jahr 1720 bestehn heue noch ca. 10 ha.

Und auch der Leuchtturm Arngast draußen im Jadebusen erinnert an ein in Sturmfluten untergegangenes Dorf.


Arngast war ursprünglich ein Kirchspiel und zeitweilig auch eine Insel im Gebiet des heutigen Jadebusens. Der Jadebusen entstand als Ergebnis mehrerer Sturmfluten im Mittelalter, bei denen große Landverluste zu verzeichnen waren. Das Kirchspiel Arngast erlitt während der Clemensflut vom 23. November 1334 große Schäden und musste aufgegeben werden. Die verlassene Kirche wurde jedoch noch 1428 erwähnt. Spätestens 1509, Zweite Cosmas- und Damianflut am 25./26. September, brach die Verbindung mit dem Festland bei Dangast und Arngast wurde zur Insel im Jadebusen. Mit sechs Quadratkilometern war Arngast zeitweilig die größte von etwa 45 Inseln im Jadebusen, verlor aber immer wieder an Fläche, bis sie annähernd vierhundert Jahre später ganz verschwand.


Kaum mehr vorstellbar, dass das heutige Nordseeheilbad Dangast mal eine Festlandverbindung tief in den Jadebusen hinein hatte.