Sonntag, 25. Juli 2021

Der Zauberwald von Brocéliande und die mittelalterlichen Epen


Kaum eine andere europäische Region ist so von Mythen, Legenden und Geschichten geprägt wie die Bretagne. Mitten in der Bretagne befindet sich der mythische Wald von Paimpont mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten. Dieses früher riesige Waldgebiet bildete unter dem Namen „Forêt de Brocéliande“ den Handlungsort großer Teile der Sage um König Artus, den Zauberer Merlin und die Fee Morgane.

Undurchdringlich, wild und ursprünglich wirkt er, der alte Zauberwald von Brocéliande. Einst waren große Teile der Bretagne von dichten Wäldern bedeckt. Übrig geblieben sind nur etwa 7000 Hektar westlich der bretonischen Hauptstadt Rennes. Auf einer modernen Landkarte wird man ihn vergeblich suchen, denn der Wald von #Broceliande heißt heutzutage Fôret de Paimpont. Er liegt westlich von Rennes und ist das Herzstück von Argoat (bret. "am Wald"), der inneren Bretagne, des Binnenlandes. Chrétien de Troyes lässt hier eine Reihe seiner Erzählungen der Artus-Sage spielen, etwa "Iwein, der Löwenritter" (Yvain ou Le Chevalier au lion).


Was Wunder also, dass es in diesem Wald auch das Grab des Zauberers Merlin gibt. Schwer zu finden, kaum ausgeschildert, am Ende eines schmalen Pfades öffnet sich eine kleine Lichtung und dort sehen wir es dann. Und man ist unwillkürlich enttäuscht. Denn was wir sehen sind die (gesprengten!) Überreste eines ehemaligen Langgrabes, aus dem eine Stechpalme wächst. Gesprengt, weil ein ehemaliger Besitzer des Grundstücks mit Dynamit auf die Suche nach dem Schatz des Zauberers gegangen war.

Und dieses klägliche Etwas sieht dazu noch aus wie eine Müllkippe. Bei näherem Hinsehen entpuppen sich die ganzen Papierfetzen dann als Bittbriefchen an den Zauberer. Denn die Reste des Dolmen sind eine wahre Kultstätte. Für die Jünger des, sagen wir es mal spöttisch, Neo-Keltikums, die sich besonders in Vollmondnächten hier tummeln. Wehalb auch der Nachbar sein Grundstück wehrhaft eingezäunt hat, auf dass ihm nicht der Garten zertrampelt werde.

Gleichwohl, wenn man hier alleine ist, keine Vogelstimme hört, der Wald nur schweigt, dann geht doch irgendwie etwas Mysthisches von dem Ort aus.

Zurück zu Chrétien de Troyes: Chrétien (* um 1140 in Troyes; † um 1190) gilt als Begründer der Gattung des Höfischen Romans und als dessen wichtigster Vertreter in der altfranzösischen Literatur. Seine Versromane haben darüber hinaus die Literatur und Kunst europaweit nachhaltig beeinflusst. Sie waren zum Beispiel Vorlage für die mittelhochdeutschen Epiker Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach.


Wolfram von Eschenbach (* um 1160/80 in Franken, wahrscheinlich in Wolframs-Eschenbach; † um/nach 1220) war ein deutschsprachiger Dichter. Die mittelhochdeutsche Literatur verdankt ihm mehrere epische Werke. Ebenso verfasste er als Minnesänger lyrische Dichtungen. Als sein berühmtestes Werk gilt der Versroman Parzival (Original: Perceval von Chrétien de Troyes). Der Parzival ist das erste erhaltene Werk in deutscher Sprache, dessen Gegenstand der heilige Gral ist. Wolframs Parzival wird allgemein als wichtigstes Epos seiner Zeit eingestuft.

Wolframs-Eschenbach in Franken

Der Jungbrunnen in Brocéliande

Unweit von Merlins Grab befindet sich ein bescheidener Brunnen, von dem überliefert wird, dass er einst majestätisch groß und von riesigen Steinen umgeben war. Ursprünglich handelt es sich vermutlich um eine Kultstätte der Druiden. Die Gelehrten des 19. Jahrhunderts erzählten, dass die Druiden einmal jährlich zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende alle Neugeborenen erfassten. Dafür begaben sie sich zum Brunnen, in dem die Kinder gewaschen, gereinigt und anschließend in das „Marith“ genannte Namensverzeichnis eingetragen wurden. Konnten sich die Eltern im Geburtsjahr des Kindes nicht zur Lichtung begeben, gingen sie im Folgejahr dorthin. Ihr Kind wurde dann ungeachtet seines tatsächlichen Alters als Neugeborenes betrachtet. Dieser Geschichte hat der Brunnen seinen Namen und der Jungbrunnen aus der Fabel seine Fähigkeit zu verdanken, Menschen zu verjüngen.


Die Gemeinde Tréhorenteuc (die kleinste im Département Morbihan) beherbergt mit der Pfarrkirche Ste-Onenne die erstaunliche "L'église du Saint Graal" (Kirche des heiligen Gral). Die zwischen 1942 und 1962 restaurierte Kirche ist mit Themen der Artuslegende und esoterischer Symbolik geschmückt.


Die Kirche wurde in den Vierzigern von einem deutschen Kriegsgefangenen auf Veranlassung des damaligen Pfarrers mit Szenen aus der Artussage ausgemalt.

Die im 12. Jahrhundert errichtete Kirche von Tréhorenteuc ist der heiligen Onenne gewidmet. Sie war eine Schwester des Königs Judicael, legte aber ein Gelübde der Armut ab und zog nach Tréhorenteuc. Fabelhafte Legenden umranken die Figur: Es wird erzählt, dass sie einen Kuss der Jungfrau Maria erhielt, als sie dieser Rosen schenkte. Die hl. Onenne liege außerdem unter der Kirche begraben.

1942 wurde der Priester Henri Gillard als Rektor in das abgelegene Dörfchen Tréhorenteuc gerufen. Die Bewohner hatten sich vom Glauben abgewandt, die Kirche zerfiel langsam … Ein trauriger Anblick für einen Priester. Doch war Henri Gillard aus einem guten Holz geschnitzt: Er war überzeugt, dass allen Religionen derselbe Glaube zugrunde lag! Und als er die Kraft der Legenden in Brocéliande entdeckte, entschloss er sich, seine Kirche zu verwandeln, um das Evangelium durch den Mythos des Grals erscheinen zu lassen. 12 Jahre lang finanzierte der Priester die Renovation seiner Kirche. Über die Jahre hinweg erlangte die Kirche mit der Unterstützung der Angehörigen der Kirchgemeinde und der lokalen Gemeinden die heute bekannte Form.

Beim Betreten der Kirche findet sich links das Mosaik des weißen Hirsches, das von den Odorico-Ateliers gefertigt wurde. Es enthält zahlreiche Figuren, die auf die christliche Religion verweisen, aber die Symbolik geht weit darüber hinaus: Der Hirsch steht für Christus, und die vier Löwen sind eine Allegorie der vier Evangelisten. Doch damit nicht genug! Diese Elemente sind auch in einem Teil der berühmten Gralssuche zu finden.

Über dem Eingang steht ein mysteriöser Satz: „La porte est en dedans“ (z. dt.: „Die Tür ist innen“).

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